Jing Jong Luh
Professor und Direktor des Forschungszentrums für Hermeneutik und interkulturelle Philosophie, National Central University, Taiwan
Aufenthalt
Oktober−Dezember 2018
Forschungsthema
»Positionalität und Alterität. Systemische Hermeneutik als Grundlage des interreligiösen und interkulturell-philosophischen Dialogs«
Projektbeschreibung
Vor dem Hintergrund der hermeneutischen Kehre Heideggers im Kontext der phänomenologischen Philosophie war mit einer ähnlichen Kehre in der Religionsphilosophie bzw. -phänomenologie zu rechnen. Tatsächlich hat sich aus einer hermeneutischen Richtung (N. Söderblom, R. Otto, G. van der Leeuw, F. Heiler) seit den siebziger Jahren des 20. Jhs. ein „Neustil“ in der Religionsphänomenologie entwickelt. Eine metatheoretische bzw. methodologisch grundlegende Fundamental- bzw. Metahermeneutik der Religion fehlt jedoch bislang.1 Dies ist insofern nicht verwunderlich, als selbst binnenphilosophisch nach wie vor ein „conflict of hermeneutics“ zwischen den klassischen Ansätzen Schleiermachers, Diltheys, Heideggers, Gadamers, Ricoeurs, Derridas und anderen herrscht. Mein Projekt versucht diesen Konflikt zu schlichten, und zwar durch die mindestens umrisshafte Konzeption einer systemischen Fundamentalhermeneutik, die als solche die Interaktion erstens zwischen System als Ganzem und dessen Teilen (2.1), zweitens den Elementen untereinander (2.2) und drittens zwischen System und Umwelt (2.3) als irreduziblen und gleichursprünglichen Dimensionen des Verstehensprozesses untersucht, und zwar mit besonderer Rücksicht auf eine Hermeneutik der Religion.Die Fundamentalhermeneutik geht zunächst aus von Heideggers Daseinsanalytik, die den Menschen als Daseiendes, d.h. als Seinsverstehen auslegt, das als solches unter anderem mit dem Vermögen der Sprache als einem Vermittelnden zwischen Geist und Materie begabt ist. Durch die Sprache aber steht der Mensch, wie insbesondere Gadamers und Derridas Hermeneutik der Andersheit herausgearbeitet hat, zugleich im Zwischenbereich der ‚Alterität‘ und deren basalen Formen – nicht nur denen von Selbst und Welt sowie Subjektivität und Intersubjektivität, sondern auch von heilig und profan bzw. Transzendenz und Immanenz. Eine Religion kann vor diesem Hintergrund als holistisches Symbolsystem verstanden werden, das als solches der theoretischen wie praktischen Verarbeitung einer zwischen Transzendenz und Immanenz, Sakralem und Säkularem angesiedelten Alteritätserfahrung dient.
Aufgrund des hermeneutischen Zirkels von Ganzem und Einzelnem bietet die systemische Hermeneutik als genuine Trialektik (z.B. von Ich, Du und Alterität) zunächst Aussicht auf eine Metatheorie der differenten hermeneutischen Dimensionen, so dass unter anderem die texthermeneutisch problematische Trennung von Autor, Text und Leser korrigiert und überwunden werden kann. Sie bietet aber darüber hinaus und vor allem Grundlagen für eine Methodologie, die das Phänomen der (hier: religiösen) Positionierung in seinen fundamentalhermeneutischen Dimensionen genau/er zu beschreiben vermag. Hermeneutisch gesehen lässt sich das Problem der Positionierung auf die von Heidegger aufgedeckte ontologische Vorstruktur des Verstehens zurückführen, eine Struktur, die ich mit Hilfe der Vorgaben Gadamers und Ricoeurs ins Konstruktive wenden möchte, um auf diese Weise nicht nur das religiöse Fundamentalphänomen der Positionierung innerhalb eines Religionssystems schärfer zu fassen, sondern auch hermeneutische Grundlagen für einen sachgemäßen interreligiösen Dialog zu legen.
Bezüglich der Herausarbeitung einer binnenhermeneutischen Korrelation zwischen den Elementen des jeweiligen Systems kann eine Fundamental- bzw. Metahermeneutik der Religion zweitens einen methodologischen Beitrag zum Teilprogramm „Positionierung und Rationalität” leisten. Wenn Religion den alterierenden Zwischenbereich oder das Inter zwischen Transzendenz und der Immanenz markiert; und wenn dieser Zwischenbereich unter anderem mit der Dialektik von Glaube und Vernunft bzw. der – vermeintlich unaufhebbaren – Spannung von religiöser Positionierung und Rationalität verknüpft ist, dann führt der fundamentalhermeneutische Rekurs auf die Dimension der Andersheit in allem Verstehen zur Idee einer letzten, unhintergehbaren Alteritätsoffenheit der Religion. Von daher deutet sich zumindest die Möglichkeit an, jene scheinbar unauflösliche Spannung in eine Dynamik der (hier: intra-, inter- und transreligiösen) Verständigung zu überführen. Systemische Hermeneutik kann dann als methodologische Dialog-bzw. Diskurs-Plattform für ein Gespräch zwischen den drei Abrahamsreligionen bzw. deren jeweiligem rationalitätstheoretischen Selbst- und Fremdverständnis fungieren. In diesem Zusammenhang wird mein Projekt ferner ein paradigmatisches Beispiel aus der Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Problem des Verhältnisses von Religion und Rationalität behandeln, nämlich die religiöse Mystik. Historisch werden dabei primär Grundlinien der Entwicklung der christlichen Mystik nachgezeichnet, und zwar von der mittelalterlichen Tradition aus zur Reformation bis hin zu Hegel und Heidegger (!). Vor allem im Anschluss an die letzteren beiden wird in systematischer Hinsicht gezeigt, dass Rationalität durchweg auf die religionsphilosophisch maßgebliche Dimension der Transzendenz als ihrem letzten und höchsten Verstehens- und Realisierungskontext bezogen ist und bleiben muss, religionsphilosophisches Denken mithin fundamentalontologisch und/oder spekulativ anzulegen und durchzuführen ist.
Den Konnex von System und Umwelt betreffend sollen drittens die asiatischen, insbesondere die chinesischen Kulturen und Religionen als eigenständige Alternative zu, ja de facto als ein ‚ganz Anderes‘ gegenüber den (hier: abrahamitischen) Offenbarungsreligionen in das Projekt bzw. dessen Darstellung einbezogen werden. Ein dezidiert interkulturell-philosophisches Denken auf der Basis einer systemischen Hermeneutik könnte hierbei nicht nur als Schnittstelle zwischen Ost und West unter den Bedingungen der Postmoderne fungieren, sondern auch als Plattform für eine Meta-Kommunikationen zwischen Offenbarungsreligionen und Weisheitsreligionen. Auf diese Weise wäre nicht nur das rationalitätstheoretische Teilprogramm, sondern auch das LOEWE-Projekt insgesamt einbezogen, insbesondere in Form eines Beitrags zu dessen methodologischer Profilschärfung.
Wissenschaftliches Profil
Jing-Jong Luh ist Professor und Direktor des Forschungszentrums für Hermeneutik und interkulturelle Philosophie an der National Central University in Taiwan.